Autor. Redakteur. Texter. PR.
Hallo zusammen, ich bin Christoph Kastenbauer, Redakteur und Autor aus München. Ich liebe es zu reisen und bin großer Fan von Lateinamerika. Dort kam mir auch die Idee zu meiner Krimi-Reihe „Costa Rico“: Der erste Band „Meertotfrau“ liegt in den letzten Zügen, das Cover ist bereits fertig. Im Herbst soll das Ganze erscheinen. Unten findet ihr das Cover, den Inhalt und eine Leseprobe. Viel Spaß!
Was ist wahr, was ist nur Fake? Kann man den Bildern um sich herum noch trauen, selbst wenn man sie in aller Intensität schmeckt, riecht und fühlt? Der Kriminalroman „Meertotfrau“ – aus der geplanten Buchreihe „Costa Rico“ von insgesamt fünf Romanen – ist so viel mehr als nur ein Urlaubsroman. Er spielt zwar an der karibischen Küste Costa Ricas, mit intensiven Beschreibungen der Menschen, der Kultur und der atemberaubenden Natur. Aber tatsächlich geht es vor allem um das Darunter – und das nicht nur im überraschenden Twist bei der Auflösung. Und um die Frage, was Wahrheit noch bedeutet, wenn sich der Fake in fast lebensechter Perfektion mit der Realität verbindet. Costa Rico, eigentlich Richard Graber – Ex-Sondereinsatzkommandant und nun Sicherheitschef eines Luxusresorts in Puerto Limón – ist vor dem Trauma der dubiosen Ermordung seiner Familie mit seinem Freund und nicht weniger dubiosem Geschäftsmann Heinz-Christian Prachel nach Costa Rica geflohen. Der betreibt dort ein Urlaubsparadies für vorrangig deutschsprachige Touristen. Doch das Idyll währt nicht lang. Ein Syndikat aus Haifischschlächtern treibt vor der Küste sein Unwesen, das die Fische grausam verstümmelt, um mit den Flossen Milliarden zu verdienen. Gegen das sogenannte Finnen geht Comisario Sahra Martínez vor, eine costa-ricanische Polizistin mit deutschen Wurzeln, die im Hintergrund noch eine Geheimoperation mit den deutschen Behörden vorantreibt.
Doch nicht nur um Prachel, Rico und die Comisario ranken sich Geheimnisse: Die dubiosen Verwicklungen erreichen ihren Höhepunkt, als eine junge Frau mit abgehackten Armen und Beinen am Strand gefunden wird. Denn das Mordopfer, Enya, und ihr Vater, Professor Doktor Frank Stein, einer der weltbesten Schönheitschirurgen, haben ebenfalls Verbindungen in die Finnen-Szene. Als dann auch noch Enyas beste Freundin Zihán durchdreht, Ricos Freundin Becci sich einer militanten Tierschützerin anschließt und das berüchtigte Drogenkartell von Limón auf den Plan tritt, stehen endgültig alle Wahrheiten zur Diskussion: Geht es der Comisario tatsächlich um Tierquälerei oder doch am Ende um ein viel größeres Verbrechen? Was hat Prachel mit den traumatischen Ereignissen rund um Ricos Familie zu tun? Und ist die Ermordete tatsächlich die, die sie sein sollte?
Sie hatte Haare, die schienen schier zu brennen, so schmerzvoll rot waren sie.
Rico blieb einfach sitzen. Abendwind kam vom Meer und verfing sich in den dichten Blättern des Guanacaste-Baums, der am Rand der kleinen Bucht stand und seine ausufernde Krone in den dunkelblauen Himmel reckte. Die starken Zweige wucherten über Rico hinweg. Sie waren das Dach einer Bühne, die nur dieser jungen Frau gehörte.
Er saß da, auf seinem Felsen, und wartete ab. Die Zigarette in seinem Mund schmeckte nach dem bisschen mehr Leben, das keiner braucht, aber jeder haben möchte. Abwarten, das hatte er gelernt, bis zum Zugriff, dann, wenn man keine Zehntelsekunde mehr warten durfte. Dann, wenn es um ebenjenes Leben ging, das jeder noch um diesen einen Moment verlängern möchte.
Er war früher in Berlin beim SEK gewesen, dem Spezialeinsatzkommando der Polizei, Direktion 4, Abschnitt 51 bis 57, was so lauschige Einsatzorte wie den Görlitzer Park oder das Kottbusser Tor bedeutete. In der jahrelangen, von brutaler Aussiebung begleiteten Ausbildung hatte er vor allem eines gelernt: unter der Vorgabe des unbedingten Opferschutzes jedes beliebige Ziel mit jeder beliebigen Waffe zu jeder beliebigen Zeit auszuschalten. Und noch eines hatten sie ihm beigebracht: nur dazusitzen, in der eisigen Stille eines zu 100 Prozent schallabgedichteten Kellerraums, wo massiver Beton zurückstarrt und sonst nichts.
In so einen Raum darfst du nichts mitbringen, keine Handys, keine Uhr, keinen Schmuck, kein Nichts. In so einem Raum bist du nur noch Werkzeug. Rico war dagesessen, an einem dunklen Metalltisch, neben und gegenüber ihm seine Kollegen, deren Gesichter er nicht sah, nur schwarze, schweigende Sturmhauben und die Stille und das Warten, bis die Tür aufgerissen und alles laut wurde. Er hatte in den Beton hineingestarrt und lautlos die Sekunden gezählt.
Kaum dass ihre Zehenspitzen den nassen Sand der Bucht berührt hatten, zog sich die junge Frau ihr schwarzes Kleidchen über den Kopf, und zurück blieb unter dem brennenden Rot nur ein einziges makelloses Weiß, eine tänzelnde Leerstelle in der bunten, wogenden Abendhitze. Rico saß da und blies blauen Rauch in die glühende Atmosphäre.
Nach der Katastrophe hatte er einen Teil von sich in Berlin zurückgelassen, aber die Fähigkeit, auf seinem Arsch zu sitzen und sofort zu funktionieren, sobald der Alarm losgeht, hatte er behalten. Deshalb auch sein neuer Job: Sicherheitschef eines Luxusresorts in Puerto Limón, einem der schönsten, aber auch gefährlichsten Plätze Costa Ricas. Hier saß er und wartete auf das Schlimmste. Auch jetzt, in dieser kleinen verborgenen Bucht einen Steinwurf vom Hotel entfernt, blieb er einfach auf seinem Felsen hocken und sah, wie die Dinge aus dem Gleichgewicht fielen.
Die junge Frau tauchte ins Meer, und das klare Wasser umhüllte ihren weißen Körper. Rico zog so stark an seiner selbstgedrehten Zigarette, dass die Glut seine Lippen versengte. Er sah jeden schwarzen, penibel ausgelöschten Strich unter der weißen Leinwand ihrer Haut. Das hatte er gelernt vom Starren, sogar hinter den Beton zu blicken.
Der Guanacaste knackte unter der beginnenden Kühle des Abends. Rico atmete den Rauch aus und das Meer ein. Man sagt den Guanacaste-Bäumen nach, dass sie in Wahrheit tausend Bäume sind, die sich zum Schutz gegen das Böse so lange zusammengedrängelt haben, bis aus ihnen einer wurde. Rico spürte das Leben in seinem Körper kribbeln, beißende Elektrizität von den Zehen bis zum Scheitel. Und er sah die flackernde Aura der jungen Frau, die das kalte Meerwasser abdämpfte wie einen Schwelbrand.
Es war sinnlos, so oder so. Die junge Frau würde wieder aus dem Meer steigen müssen, irgendwann, und dann wäre sie erneut nackt und hilflos. Und so, wie das Leben eben ist, würden das die Jäger riechen und schon bald die Verfolgung aufnehmen.
Rico keuchte. Er drehte sich zum Polizeiboot um, auf dem die Comisaria und ihr Adjutant immer noch hinter dem Beiboot kauerten und Prachel ihm im kompletten Volldunst zuwinkte.
„Ihr wollt eine Show? Dann passt mal auf…“ Rico spuckte aus. Der Berg von einem Haischlächter wandte nun seine riesige Machete von den zuckenden Haikörpern ab und dem neuen Ziel vor seiner Nase zu. Taumelnd wich Rico vor den Schlägen zurück, während es um seine Füße herum schnappte und zappelte. Die Machete streifte ihn an der Schulter und Rico ging als letzten Ausweg hinter einem der flossenlosen Haie in Deckung – ein einst edles, silbergraues Tier, das jetzt nur noch ein zwei Meter langes, wurmähnliches Gebilde war.
Erbarmungslos hackte der Schwarze drauf los, während Rico das Tier wie ein Schutzschild vor sich hinwuchtete. Der Hai war immer noch lebendig und zuckte unter jedem der Hiebe qualvoll zusammen. Rico schrie vor Schmerz und Wut. Tränen schossen ihm in die Augen, unter seinen Handflächen die unsagbare Pein des Tieres spürend. Der Schwarze kam über dem Hai zum Vorschein, triumphierend die Machete zum finalen Schlag erhoben.
„Aber, sprach der Herr…“, flüsterte Rico, während sich seine Arme um den Kopf des Tieres spannten. „Dein, mein lieber Hai, ist die Rache.“
Mit einem Ruck riss Rico die Schnauze des Tieres nach oben und die mehrreihigen, spitzen Zähne des Jägers bohrten sich knirschend in den Oberarm des geifernden Riesens. Der schrie wie am Spieß, während die Machete klappernd aufs Deck fiel. Der Hai hatte sich tief in seinen rechten Arm verbissen. Blind vor Schmerz hieb der Schwarze mit seiner linken Faust auf den Kopf des Tieres ein. Der Hai hatte aber nicht vor abzulassen, im Gegenteil: Sein Kiefer schloss sich immer fester um die Quelle seiner Qual.
„Ayuda, por favor, ayuda…“ Der Schwarze flehte jetzt tatsächlich in Richtung Polizeiboot um Hilfe, aber Laura und ihr Kollege standen nur da, mit gesenkten Dienstpistolen, stumme Zeugen des Unvermeidbaren. Der riesige Fischer wuchtete den Hai mit letzter Kraft in die Höhe, um ihn sich vom Arm zu reißen. Aber der Hai ließ nicht los, sein Gebiss gab keinen Zentimeter nach.
Der Schwarze begann zu taumeln, während immer mehr Blut aus seiner immer weiter klaffenden Wunde schoss. Gemeinsam schienen sie nun über das Deck zu tänzeln, der Täter mit seinem von ihm verstümmelten Opfer am Arm, ein letzter Tanz zweier verlorener Kreaturen. Bis es endlich zu Ende war, bis sie zusammen über die Reling kippten und das Meer seinen gnädigen, kalten Mantel über sie zog.